Wiener Staatsoper: Le nozze di Figaro am 7.1.07

by Martin Robert Botz (Der neue Merker)

«Neue Besetzungskonstellationen verlocken Interessierte zu Opernbesuchen, auch wenn man ein Werk schon sehr oft erlebt hat. Diesmal begann die Neugierde gleich mit dem Dirigenten PHILIPPE JORDAN. Er hat einen durchaus personalen Zugang zur Mozart-Interpretation: Energie geladen, mit großer Spannung erfüllt, mit Tempo, aber auch animierte Stellen schön ausschwingen lassend. Seine Deutung ist nicht historisierend, wird dem Komponisten aber sehr gerecht. Das Orchester ist unter seiner Leitung stets aufmerksam und konzentriert und erbringt eine ausgezeichnete Leistung.
Die Schar der Sänger in der Reihenfolge des Besetzungszettels: SIMON KEENLYSIDE ist derzeit ein Almaviva erster Güte. Er ist durchaus ein Herrenmensch der Feudalzeit, nur der neue Zeitgeist der Freiheit kommt ihm dazwischen. Sein Singen ist immer kraftvoll und elegant. Den Mozartstil beherrscht er glänzend. Zum großen Bedauern hatte Dorothea Röschmann die ganze Serie abgesagt. Als Trost gab es immerhin als Gräfin besten Ersatz in KRASSIMIRA STOYANOVA, deren Stimme wirklich beseelt klingt und erblüht. Noch stärker als im „Porgi amor“ überzeugte sie im „Dove sono“ in ebenmäßiger Form.
Die mir noch nie untergekommene Jane Archibald hatte gleichfalls alle Vorstellungen abgesagt. So kam LAURA TATULESCU zu ihrer Chance als Susanna. Sie spielt gut und fügt sich bestens ins Ensemble ein. Sie hat einen hübschen, ausgeglichenen Ton in der Stimme, nur anfänglich war sie fast zu üppig im Klang. Insgesamt eine sehr positive Leistung. Ihr Figaro ERWIN SCHROTT stellt einen virilen, selbstbewussten Typ dar, passend zur Rolle etwas plebejisch angehaucht, die kommenden Umstürze voraus nehmend. Seine Stimme passt bestens zur Rolle.
Ein Traum von einem Cherubino ist ELINA GARANCA. Im Legato, der Phrasierung und Klangschönheit ist sie so ziemlich vollendet. Das beweisen beide Arien. Sie spielt die Verwirrung der Gefühle dieses Burschen großartig: die Zappeligkeit, das Gehemmtsein und die Zudringlichkeit.
Man muss es von Zeit zu Zeit wieder erwähnen: in den letzten Jahren sind die so genannten Nebenrollen fast immer sehr gut besetzt (die Erinnerung sagt, dass es durchaus nicht immer so war): DANIELA DENSCHLAG als Marcellina im besten Alter; MICHAEL ROIDER als unverschämter Intrigant (beide aber wie zumeist ohne ihre Arie); COSMIN IFRIM als auffallend schönstimmiger Curzio; AIN ANGER ist ein Bartolo, der sich aufrichtig über seinen wieder gefundenen Sohn freut – ich fand das als sehr netten Einfall, die meisten Bartolos wollen sich ja wegschleichen: EIJIRO KAI war der kraft- und alkoholvolle Gärtner; ILEANA TONCA eine liebe, stimmhübsche Barberina.
Am Ende der Vorstellung gab es großen, einhelligen Beifall und starke Bravos, am meisten für Garanca und Keenlyside; dann für Stoyanova und Schrott. Noch etwas: Es gibt Opernbesucher, die sehr wohl den deutlich erkennbaren Personalstil von Jordan bemerken, und davon sind ganz wenige, die ihn nicht mögen. Diesmal war es ein einziger, der versuchte. Buh zu rufen. Bei einem durchschnittlichen Repertoire-Dirigat wird kaum einer missmutig hinein schreien. Missfallen gibt es hingegen oft (nicht immer) für schlechte Leistungen und gelegentlich auch für sehr gute – hier kommen die Fragen von Geschmack, Gewohnheit, Traditionen und „Lieblingen“ zur Geltung. Jordan wird seinen Weg machen, hoffentlich mit der Staatsoper.»

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