Tot ist er, tot bleibt er – Wiener Staatsoper nimmt Mozarts “Don Giovanni” wieder auf

by Christoph Irrgeher (Wiener Zeitung)

«Bräuchten Buddhisten einen Glaubensbeweis, hier fänden sie ihn: In der ewigen Wiederkehr des Wolfgang A. Mozart. Gerade hat man den Jahresjubilar verabschiedet, schon grüßt er wieder: Am 27. Jänner ist sein Geburtstag, die Staatsoper gedenkt. Und bis Mozart am 5. Dezember erneut stirbt, läuft die alljährliche Reinkarnation – rund elf Monate lang.

Dennoch, 2007 bleibt er vielleicht tot. Wiener Staatsoper sei Dank: “Don Giovanni” ist für die Mozart-Tage ans Haus zurückgekehrt – in einer Fasson, die an Leichenschändung grenzt.

Was mit der Inszenierung beginnt: Ein mutmaßlicher Barock-Bob-Marley (Zottelzopf-Träger) betätschelt Frauen so zielstrebig, dass ihn weder deren Camouflage (Plüsch-Yeti-Look) narrt noch ein Papageno frappiert, der offenbar Diener Leporello ausgeschaltet hat. Dass dann noch Uncle Sam hereinschneit, recht mehlig angestaubt: ein Glück. Denn der bugsiert den Lüstling in den Tod. Ende dieses Ausstattungsalbtraums, heftig genug, um den traumatischen Konsum sämtlicher Richard-Chamberlain-Kostümschinken aufzuarbeiten.

Oder das absurde Theater? Verdachtsmomente häufen sich: Masetto, hinter einem zaundürren Busch verborgen, zieht zaghaft sein Messer, macht Anstalten, Giovannis Po zu pieksen, Pause. Giovanni sagt: “Masetto . . . ?” Staatsopernbesucher denkt: Aha.

Was von dieser Malaise unberührt bleibt, letzte Reste musikdramatischer Gravitation zeigen könnte, wird vom Dirigat zersprengt. Peter Schneider, sonst oft verdienstvoll, leitet das Staatsopernorchester mit einer Behäbigkeit, die schon die ahnungsvollen Streichervorhalte der Ouvertüre wie Schmelzkäse zerdehnt. Dissonanzen-Virus

Da köchelt Mozart mit einem Energiepegel, den man allenfalls einem Süppchen auf dem Herd vergönnt. Wer den “Don Giovanni” jedoch so klein hält, mit all seinen Ekstasen, Einbrüchen, all dieser treffsicheren Klangpsychologie, der verstümmelt das Schönste, was die Opernliteratur zu bieten hat.

Und von der Bühne kommt kaum Hilfe. Weil ein Dissonanz-Virus grassiert. Cellia Costea (Elvira) kollabiert in einer Drastik, dass man der Rollendebütantin herzlichst Besserung wünscht. Schrill und schräg leider auch Ricarda Merbeth (Donna Anna), Alexandra Reinprecht (Zerlina) trällert adrett, schert nur selten aus, vielleicht durch all die Wackelkontakte zwischen Bühne und Graben.

Erfreulicher noch die Männerriege: In-Sung Sim (Masetto) und Ain Anger (Komtur) bleiben meist auf Kurs, Matthew Polenzani (Ottavio) hält sich im Hintergrund, Erwin Schrott (Leporello) dafür mit Witz und Stimmfarbe nicht zurück.

Und dann hätten wir noch Stargast Bryn Terfel: Schauspielerisch, soweit Regie-möglich, ein packender Giovanni, auch dank wuchtiger Klangmacht – ein rechter Rokoko-Terminator, der nur manchmal zu sehr dröhnt.

Dass Mozart davon nicht erwacht, ist traurige Gewissheit. Wenn auch nicht im Publikum: Freundlicher Applaus für alle Täter.»

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