Kein Mitleid mit Börsianern — 21-09-2009

by Oliver Schneider (Wiener Zeitung)

Rossinis Vertonungen des Auszugs des Volks Israels aus Ägypten stehen nicht häufig auf den Spielplänen der Opernhäuser und Festivals. Heuer innerhalb von zwei Monaten gleich zweimal: Die spätere französische Grand Opéra-Fassung “Moïse et Pharaon” war ein glückloser Teil von Jürgen Flimms Salzburger Sommerprogramm; nun hat Alexander Pereira in Zürich die ursprüngliche italienische Fassung genutzt.

Die richtige Wahl, denn die beiden Handlungsstränge (der Machtkampf zwischen Moses und Pharao sowie eine unerlaubte Liebe des Nachwuchses) sind so miteinander verflochten, dass die Spannung über den rund zweieinhalbstündigen Abend nie abfällt.

Moshe Leiser und Patrice Caurier übertragen “Mosè in Egitto” auf die wachsende Ohnmacht der westlich-laizistischen Gesellschaft gegenüber religiösen Fanatikern jeder Couleur. Die Ägypter repräsentieren die materialistische Welt, die zu Beginn ansehen muss, wie die Börsenkurse ins Bodenlose sinken. Erst der religiöse Fanatiker Mosè lässt die Kurven wieder steigen. Gut und Böse lassen sich in dieser Inszenierung aber nicht eindeutig zuordnen. Der Pharao und seinesgleichen sehen sich als die besseren Menschen an, die jedoch permanent um ihre Sicherheit fürchten müssen. Die Machtlosen, bei Rossini die Israeliten, legen ihr Schicksal in die Hände der Fanatiker Mosè und Aronne und gelangen so in die Freiheit. Doch um welchen Preis für die Welt?

Leiser und Caurier und ihr Bühnenbildner Christian Fenouillat haben ein eindrückliches Schlussbild gefunden: Nachdem Mosè die Israeliten unter dem Meer durchgeführt hat – die das Meer repräsentierende Rückwand hebt sich –, ertrinken die Verfolger in einer Flutwelle. Nur der Pharao überlebt und sieht sich zu beruhigendem G-Dur Fotos von religiös begründeten Gräueltaten gegenüber.

Szenisch also ein Wurf, aber auch musikalisch. Der Pesaro-erfahrene Paolo Carignani beweist, wie sehr ihm Rossini im Blut liegt. Mit dem Zürcher Orchester widerlegt er das Vorurteil, dass Musik und dramatische Handlung schlecht zueinander passen, und arbeitet die Reichtümer der Partitur heraus. Ebenso eine Höchstleistung liefert der Chor, dem Rossini den tragenden Part zugedacht hat.

Die Elcìa von Eva Mei gehört musikalisch und darstellerisch zum Besten, was man bisher von der Sopranistin mit dem kristallinen Timbre erlebt hat. Javier Camarena ist ihr geliebter Osiride, mit agilem und höhensicherem Tenor, wenn auch zuweilen etwas unruhig liegend. Ein kontrastreiches Bass-Duo: Michele Pertusis Pharao tönt substanzvoll, während Erwin Schrott dem Mosè seine kernige Stimme verleiht, die in allen Lagen brilliert.

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