Koloraturen und Terror — 22-09-2009

by Georg Rudiger (Badische Zeitung)

Die jüngste Terrordrohung gegen Deutschland ist nur wenige Tage alt, da sieht man auf der Bühne des platter Aktualisierungen eher unverdächtigen Zürcher Opernhauses einen Islamisten. Er kombiniert olivgrüne Kampfklamotten mit Rauschebart und Mütze und schlägt gern mit der Faust auf den Tisch, wenn er nicht in einer Höhle mit einem Satellitentelefon hantiert oder mit gefesselten Händen auf dem Boden liegt, gekleidet in ein orangefarbenes Guantanamo-Kostüm. Es ist Anna Netrebkos Verlobter Erwin Schrott, der in Rossinis 1818 für Neapel entstandener Opera seria “Mosè in Egitto” die Titelpartie singt.

Moses war mutmaßlich weder Islamist noch Terrorist, aber für das Regieduo Moshe Leiser und Patrice Caurier spielt das keine Rolle. Der Prophet erinnert die beiden “in seinem Fanatismus an all die religiösen Führer gleich welcher Couleur, die sich im Besitz der einzigen Wahrheit wähnen”. Deshalb erstaunt es nicht, dass Moses’ bärtiger Bruder Aronne (mit hellem Tenor: Reinaldo Macias) mit Kippa und rhythmischen Gebetsbewegungen als Jude zu identifizieren ist. Die Ägypter mit ihrem Faraone (Michele Pertusi) repräsentieren in der Sichtweise der Regie die von der aktuellen Wirtschaftskrise gebeutelte westliche Gesellschaft, die Ziel terroristischer Gewalt wird. Statt ein Unwetter zu beschwören, lässt Moses am Ende des ersten Aktes zwei Bomben explodieren. Immer wieder taucht der zottelige Prophet auf, um die Partystimmung zu stören – bis er am Ende sein züchtig gekleidetes Volk doch durch das auf eine Leinwand projizierte Rote Meer führt, ehe die Ägypter von der Zürcher Unterbühne verschlungen werden. Soweit der Aktualisierungsversuch der Regie, der aus mehreren Gründen scheitert. Zum einen widersetzt sich Rossinis federnde, selbst im Pathos von großer Leichtigkeit und Eleganz getragene Musik diesem gewaltvollen Zugriff. Koloraturen und Terror – das passt nicht zusammen, zumindest nicht in der naiven, gänzlich ironiefreien Sichtweise von Leiser und Caurier. Zum anderen erzählt die dreiaktige Oper eine andere Geschichte – von Urvertrauen und Wortbrüchen, von der Flucht eines Volkes, von einer unmöglichen Liebe zwischen dem Ägypter Osiride (Javier Camarena) und der Hebräerin Elcia (Eva Mei).

Die Regisseure bebildern den auf Dauer erschreckend langweiligen Abend mit ungeheurem Aufwand (Bühne: Christian Fenouillat, Kostüme: Christophe Forey, Hans-Rudolf Kunz). Im ersten Akt ist ein Börsenraum eingerichtet mit Flachbildschirmen, Bürostühlen und einer Aktientafel an der Wand. Später werden zwei Designerküchen, ein Auto, ein Hotelzimmer und ein Büfett auf die Bühne gerollt. Sondereinsatzkommandos seilen sich von der Bühnendecke ab und prügeln lautstark mit ihren Schlagstöcken auf Moses ein – spätestens hier kann man diesen Opernabend nicht mehr ernst nehmen.

Leider liegt auch musikalisch vieles im Argen. Paolo Carignani versteht es nicht, das Opernorchester halbwegs sicher durch den Abend zu führen. Die Streicher vergeigen viele Rezitative, die Bläser wackeln, selbst die Schlagzeuger sind häufig nicht Herr des Geschehens. Es fehlen Präzision, Inspiration und vor allem Tempo. Die Partitur wird buchstabiert, statt interpretiert, die motorische Energie Rossinis entfaltet sich nur in wenigen Momenten.

Auch gesanglich hat man in Zürich schon bessere Abende erlebt. Am überzeugendsten sind Eva Mei als koloraturensichere, über viel lyrisches Potenzial verfügende Elcia und Sen Guo als ebenso bewegliche, feingliedrige Amaltea. Michele Pertusis Faraone ist zwar wuchtig, aber zu wenig nuancenreich – in der Tiefe ist sein Bass seltsam dünn. Auch Javier Camarena malt nicht gerade mit feinem Pinsel. Seine Spitzentöne sind zwar strahlend und kräftig – seinem nasalen Tenor fehlt es jedoch an Wendigkeit und Bodenhaftung. Neben dem soliden Peter Sonn (Mambre) gefällt vor allem Erwin Schrott mit seinem virilen, zunächst etwas ungestümen Bassbariton, der wie bei der Preghiera “Da tuo stellato soglio” (Von deinem Sternenthron), in der vor dem Exodus nochmals Gottes Hilfe erfleht wird, ganz zart werden kann.

Szenisch ist das Ensemble auf verlorenem Posten. Man steht herum, macht wie die immer gut singenden Zürcher Choristen ein absurdes Tänzchen im Bürostuhl oder wartet einfach, bis die hochgerüsteten Polizisten wieder verschwunden sind. Personenregie findet nicht statt. Warum auch? Die würde bei diesem wenig subtilen, aber heftig bejubelten Abend nur stören.

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